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30.03.2019

Blog: Bleiben oder Fliehen?

Sukaina* kommt aus dem Jemen und arbeitet dort für Save the Children. Seit 2015 herrscht Krieg und das Land ist Schauplatz einer der größten humanitären Krisen der Welt. Hier schreibt sie über ihr Leben.

© Save the Children

Der Krieg hat alles verändert. Für mich, für meine Familie, für Menschen überall im Jemen. Viele haben das Land verlassen.

Mein Mann hatte eine gute Arbeit, aber er verlor sie, als die Wirtschaft zusammenbrach. Er hat einen Universitätsabschluss, spricht fließend Englisch. Dennoch muss er jeden Tag nach einem Job suchen, bei dem er etwas verdient. Es ist über zwei Jahre her, dass in diesem Land Ärztinnen und Ärzte, Lehrkräfte oder staatliche Angestellte für ihre Arbeit bezahlt wurden.

Mein Bruder ist eigentlich Zahnarzt, jetzt unterrichtet er Biologie an einer Schule. Wir sind einfach nur froh darüber, dass er einen Job an einer privaten Schule gefunden hat, die ihre Lehrkräfte noch bezahlen kann. Mein Cousin hatte einen sehr guten Job als Finanzberater. Die Firma musste schließen, als der Krieg anfing. Er sucht seit vier Jahren einen neuen Job – irgendeine Arbeit, mit der er seine Frau und seine zwei Töchter versorgen kann. Ich mache mir Sorgen um ihn. Sein Gesicht ist blass geworden und er ist erschöpft und niedergeschlagen, weil er sich jeden Tag Gedanken machen muss, wie er seine Kinder durchbringen soll.

" Menschen, die wie ich das Glück haben, für ihre Arbeit bezahlt zu werden, müssen ihre gesamte Familie unterstützen. Ich sorge für meine Eltern, die Familie meines Bruders, meine Großmutter und die Familie meins Cousins. Auch wenn das Geld kaum für uns alle reicht, es ist besser als nichts." Sukaina* aus dem Jemen

Alles ist teuer geworden. Früher habe ich Windeln gekauft, ohne darüber nachzudenken. Heute sind sie Luxusgüter. Viele Familien nehmen Plastiktüten oder funktionieren alte Kleidungsstücke als Windeln um, weil sie sich keine Windeln leisten können.

Der Transport, Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten - alles bricht zusammen.

In den letzten sechs Monaten habe ich meinen Sohn in sieben verschiedene Kindergärten gebracht. Oft sind sie überfüllt. Er kommt schmutzig nach Hause, denn für zehn Kinder gibt es nur eine Betreuerin. Ich suche einen neuen Kindergarten, aber ich möchte, dass es nahe an meiner Arbeit ist. Wenn die Luftangriffe beginnen, muss ich in der Lage sein, dorthin zu rennen, um ihn an einen sicheren Ort zu bringen.

Vor einigen Monaten hätten wir die Chance gehabt, den Jemen zu verlassen. Mein Mann ist nach Malaysia gereist und hat dort einen guten Job gefunden. Ich wollte ihn begleiten, aber am Ende habe ich ihn darum gebeten, zurückzukommen. Ich bin mir sicher, Sie fragen sich: Warum?

"Jeder, der kann, versucht aus dem Jemen zu entkommen. Ich kann nicht. Ich unterstütze meine gesamte Familie. Ich kann sie nicht alleine lassen. Ich kann mein Land nicht alleine lassen. Ich hätte keine Freude mehr im Leben, wenn ich wüsste, dass meine Familie, meine Freunde, mein Land jeden Tag ums Überleben kämpfen müssten, während es mir gut geht." Sukaina* aus dem Jemen

Darum bin ich immer noch hier.

Was mich am meisten verletzt ist das Gefühl, dass uns der Rest der Welt im Stich gelassen hat. Ich bin dankbar, dass es Save the Children gibt und uns die Unterstützerinnen und Unterstützer der Organisation nicht vergessen. Zu sehen, was wir im Jemen jeden Tag machen, ist ein großer Trost für mich.

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